Vorwort
des Untergeneralsekretärs für interne Aufsichtsdienste



Dies ist der erste zusammenfassende Bericht über die Tätigkeit des Amtes für interne Aufsichtsdienste, den ich mich hiermit beehre, über den Generalsekretär der Generalversammlung vorzulegen. Der Bericht betrifft den Zeitraum vom 15. November 1994, dem Tag meines Amtsantritts, bis zum 30. Juni 1995. Dieses Abschlußdatum wurde deshalb gewählt, damit die künftigen Jahresberichte des Amtes an die Generalversammlung den Zwölfmonatszeitraum vom 1. Juli bis zum 30. Juni erfassen und der Versammlung somit zu Beginn ihrer Tagung vorliegen. Der Bericht des Bereichs Inspektionen und Untersuchungen, des Vorläufers des aiad, behandelte den Zeitraum bis zum 31. Juli 1994; im Sinne der Kontinuität der Berichterstattung an die Versammlung ist die Aufsichtstätigkeit in der Zeit vom 1. August bis zum 14. November 1994 in der Anlage dokumentiert.

Da es sich beim Amt für interne Aufsichtsdienste um eine neu eingerichtete Dienststelle handelt, möchte ich dem Bericht einige persönliche Bemerkungen vorausschicken, solange meine Eindrücke noch relativ frisch sind. Fünfzig Jahre lang war die interne Aufsicht in den Vereinten Nationen, gelinde gesagt, unterentwickelt und zweifellos unterbesetzt. Die interne Revision, die Programmevaluierung und die Überwachung spielten als Teil der Verwaltung und des Managements eine marginale Rolle und verfügten weder über Unabhängigkeit noch über Autorität. Ein Aufgabenbereich Inspektion existierte im Sekretariat nicht. Es gab auch keine Dienststelle, die für Disziplinaruntersuchungen zuständig gewesen wäre. Meiner Meinung nach hängen einige der Schwachstellen und Mängel, die eine zunehmend kritische Öffentlichkeit heute bei den Vereinten Nationen zu entdecken glaubt, mit der seit jeher schwach ausgeprägten Aufsichtsfunktion zusammen: Die Bürokratie hat sich jahrelang unkontrolliert ausgebreitet; Verfahren und Strukturen sind erstarrt und behindern Kreativität und persönliche Initiative; Aufgabenüberschneidung und doppelte Zuständigkeiten wurden nicht entsprechend angegangen und erst recht nicht beseitigt.

Es gibt noch weitere Gründe, weshalb der aktuelle Zustand des Managements in den Vereinten Nationen alles andere als vollkommen ist:

a) Regeln und Vorschriften sind einerseits zu kompliziert und andererseits zu zahlreich, als daß sie den Bediensteten eine Orientierungshilfe bieten könnten. Es müssen konzertierte Anstrengungen unternommen werden, um den Wust von hinfälligen und obsoleten Vorschriften auszujäten oder neu zu redigieren. Das Amt für interne Aufsichtsdienste wird gemeinsam mit dem Bereich Rechtsangelegenheiten und der Hauptabteilung Verwaltung und Management an einem diesbezüglichen Vorhaben mitwirken.

b) Das Personalsystem ist schwerfällig. Neue, fähige Mitarbeiter einzustellen ist genauso schwierig wie andere, deren Leistung nicht zufriedenstellend ist, zu kündigen. Das von der Hauptabteilung Verwaltung und Management eingeleitete "Abfindungsprogramm" und ähnliche Maßnahmen würden die Rotation und Mobilität des Personals fördern.

c) Führungs- und Verwaltungsfähigkeiten sind in der Organisation ungleichmäßig verteilt. Während die meisten Fachbereiche über ein beeindruckendes Reservoir an Sachverstand verfügen, fehlt es der Organisation an gut ausgebildeten und erfahrenen Verwaltungsfachleuten, die in leitender Position, beispielsweise bei Friedenssicherungsmissionen, eingesetzt werden könnten. Der Bereich Personalwesen und -management hat soeben ein großangelegtes Ausbildungsprogramm zur Sensibilisierung für Managementfragen in Angriff genommen. Das Amt für interne Aufsichtsdienste befürwortet dieses Vorhaben nachdrücklich und empfiehlt seine Ausdehnung auf alle Führungsebenen, von den obersten bis hin zu den untersten.

d) In den Vereinten Nationen mangelt es an horizontaler Kommunikation. Die verschiedenen Hauptabteilungen wissen zu wenig von der Arbeit der jeweils anderen, was die Gefahr unbeabsichtigter Überlappungen und eines Denkens in Einflußsphären mit sich bringt. Das Amt für interne Aufsichtsdienste wird die Notwendigkeit größerer Transparenz und besserer Koordinierung auch künftig entsprechend hervorheben.

e) Auch die vertikale Kommunikation muß verbessert werden. Wenn die Bediensteten auf allen Ebenen am Management der Organisation mitwirken sollen, bedarf es eines verstärkten Dialogs. Gemeinsam mit anderen versucht das Amt für interne Aufsichtsdienste, diese so wichtige Änderung in der "Unternehmenskultur" der Organisation herbeizuführen.

f) Ebenso muß alles getan werden, um die unter den Bediensteten selbst in Schlüsselpositionen weitverbreitete Tendenz zur Vermeidung von Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht abzustellen. Das Amt für interne Aufsichtsdienste unterstützt die Maßnahmen, die die Hauptabteilung Verwaltung und Management ergriffen hat, um dieses Ziel zu erreichen, und wird seine eigenen Empfehlungen an das Management entsprechend darauf konzentrieren.

g) Das "institutionelle Gedächtnis" in den Vereinten Nationen muß verbessert und in einigen Schlüsselbereichen überhaupt erst neu geschaffen werden. Die Fähigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, hängt weitgehend von einer ordnungsgemäßen Dokumentation ab. Im Gegensatz zu einigen gut funktionierenden einzelstaatlichen Verwaltungen gibt es bei den Vereinten Nationen kein zentrales Konzept für die Aufzeichnung von Maßnahmen und die Aktenverwaltung und Registratur. Wenn Mitarbeiter aus dem Dienst ausscheiden, gehen mit ihnen oft auch ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen verloren. Das Amt für interne Aufsichtsdienste wird sich im Rahmen seiner Aufsichtstätigkeit auch mit dieser Frage befassen.

h) Die geographische Ausdehnung der Vereinten Nationen - New York, Genf, Nairobi, Wien und die Regionalkommissionen - entspricht dem weltweiten Auftrag der Organisation, ist gleichzeitig jedoch auch die Ursache für Aufsplitterung und Verständigungsschwierigkeiten. Die Dienstorte außerhalb des Amtssitzes führen eindeutig ein Eigenleben. Das Amt für interne Aufsichtsdienste empfiehlt eine vernünftige Mischung zwischen der Delegation von Befugnissen und der erforderlichen Anleitung.

Während sich all diese Schwachstellen mühelos aufzählen lassen - die internationalen Medien haben sich jahrelang so ausführlich darüber verbreitet, daß einige fast schon zu Klischees geworden sind -, läßt sich aus mehreren Gründen wohl kaum ein Schnellheilmittel dafür finden. Erstens spricht keine Organisation dieser Größe bereitwillig und rasch auf Reformbemühungen an. Die grundlegende Änderung einer über nahezu fünfzig Jahre gewachsenen Unternehmenskultur wäre selbst in der Privatwirtschaft schwierig und zeitaufwendig; erst recht ist dies bei einer internationalen Organisation der Fall, deren Mitarbeiter aus etwa 160 verschiedenen Ländern kommen, die oft ganz unterschiedliche Auffassungen vom öffentlichen Dienst mit sich bringen. Zweitens befinden sich die Vereinten Nationen zur Zeit in einer schwierigen Lage, da sie sich bei ständig schrumpfenden Mitteln gewaltigen neuen Herausforderungen gegenübersehen. Die Organisation muß sich einem drastisch geänderten Umfeld anpassen und soll sich gleichzeitig selbst wandeln. Während die Notwendigkeit dieser internen Strukturreform weithin anerkannt wird, fehlt es an der erforderlichen Tatkraft zu ihrer Durchführung. Und wie sollte dem auch anders sein, wenn der Organisation ständig der Bankrott droht, da immer mehr Mitgliedstaaten mit ihren Beiträgen im Rückstand sind und akuter Bargeldmangel herrscht. Drittens besteht in den beschlußfassenden Organen eine Tendenz, die Reformdiskussion zum Politikum werden zu lassen. Tatsache ist, daß es unter den 185 Mitgliedstaaten viele unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was die Vereinten Nationen sind und was sie sein sollen. Dies hat häufig zur Folge, daß an das Sekretariat der Vereinten Nationen Anleitungen, Aufträge und Ersuchen ergehen, die vom verwaltungstechnischen Standpunkt aus alles andere als klar und unzweideutig sind.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen und des Umstands, daß sich organisatorische Änderungen und ein Wandel der Organisationskultur nicht über Nacht bewerkstelligen lassen, muß die Arbeit des aiad, wenn sie für die Vereinten Nationen einen Sinn haben soll, meines Erachtens durch ein systematisches und gründliches Vorgehen gekennzeichnet sein und darf nicht auf kurzlebige spektakuläre Maßnahmen abstellen. Die Aufgabe des Amtes besteht darin, für die Vereinten Nationen eine stetige, kontinuierliche Aufsicht auszuüben, die eine wirksame und effiziente Verwaltung der Programme fördert und künftige Probleme verhindert. Darüber hinaus ist es unsere Aufgabe, gegenwärtige Probleme in bezug auf Verschwendung, Betrug, Mißbrauch und Mißwirtschaft aufzuzeigen und darüber Bericht zu erstatten. Da unsere Mittel begrenzt sind, werde ich dafür sorgen, daß sie vernünftig eingesetzt werden, indem der Schwerpunkt auf diejenigen Tätigkeitsbereiche der Vereinten Nationen gelegt wird, die für solche Probleme besonders anfällig sind.

Das Amt für interne Aufsichtsdienste konnte bei der Wahrnehmung seiner neuen Aufgaben erste Erfolge erzielen. Nahezu täglich erhalte ich Hinweise darauf, daß unsere Tätigkeit Wirksamkeit entfaltet, daß sowohl unsere Abschreckungsfunktion als auch unsere proaktive Rolle anerkannt werden. Einige dieser Anzeichen sind besonders ermutigend, da sie hoffen lassen, daß sich das Amt für interne Aufsichtsdienste mehr der Vorbeugung als der Ermittlung zuwenden kann; aus anderen wieder ersehe ich, daß diese neue Dienststelle sehr gefürchtet wird und daß Zweifel und Mißverständnisse vorherrschen. Viele Führungskräfte in den Vereinten Nationen sind Kritik nicht gewöhnt und nehmen diese nur widerwillig zur Kenntnis, insbesondere wenn es darum geht, Rechenschaftskriterien anzulegen, anstatt sich mit dem Versprechen zu begnügen, daß ein bestimmtes Problem nicht mehr vorkommen wird. Dieses Merkmal der Organisationskultur der Vereinten Nationen muß sich ändern, wenn es je dazu kommen soll, daß sich die Bediensteten ihrer Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht bewußt sind und diese akzeptieren. Die Führungskräfte der Vereinten Nationen müssen ihre Abwehrhaltung aufgeben und mit dem Amt für interne Aufsichtsdienste in einen kritischen Dialog treten. Damit die Aufsicht Wirksamkeit entfalten kann, bieten wir an, dabei Partner und nicht Gegner zu sein.

Die Führungskräfte der Vereinten Nationen sollten außerdem der internen Kontrolle gegenüber positiv eingestellt sein und diese unterstützen. Sie sollten sich dessen bewußt sein, daß die Schaffung und Aufrechterhaltung eines wirksamen Systems der internen Kontrolle eine Managementaufgabe darstellt, die nicht nur Sache der Aufsichtsdienste einer Organisation ist. Nach Auffassung des aiad würde die Annahme eines Katalogs interner Kontrollnormen durch die Vereinten Nationen dazu führen, daß die Führungskräfte angemessene interne Kontrollen stärker unterstützen, und gleichzeitig einen Maßstab für die Bewertung der bestehenden Systeme bieten. Das Amt für interne Aufsichtsdienste wird an der Festlegung spezifischer Kontrollziele für die verschiedenen Kategorien von Tätigkeiten mitwirken.

Mitunter werden die Erkenntnisse und Empfehlungen des aiad mit der Begründung angefochten, das Amt verfüge nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse, um die Komplexität eines Problems voll würdigen zu können. Derartige Reaktionen sind zwar verständlich, in den meisten Fällen jedoch nicht gerechtfertigt. Im großen und ganzen liegt der für unsere Arbeit erforderliche Sachverstand auf dem Gebiet der Aufsicht, wie beispielsweise der Rechnungsprüfung. Während es sicher zulässig ist, an der Tätigkeit des Amtes Kritik zu üben, muß ich doch feststellen, daß mich in der kurzen Zeit, seit ich im Amt bin, die Solidität der Fachkenntnisse und die Verläßlichkeit der unter meiner Leitung tätigen Mitarbeiter beeindruckt haben. Wenn spezielle, im Amt für interne Aufsichtsdienste nicht vorhandene Fachkenntnisse gebraucht wurden, hat es sich als praktikabel erwiesen, den entsprechenden Sachverstand über kurzfristige Regelungen anderswo zu beschaffen.

Was meine persönliche Rolle betrifft, so sehe ich mich zunächst und in erster Linie natürlich dafür verantwortlich, die tägliche Arbeit zu lenken und ein entsprechendes Zusammenwirken zwischen den vier organisatorischen Einheiten des Amtes zu gewährleisten, damit sie einander ergänzen und damit ihre Zusammenfassung unter dem Schirm des aiad nicht zu Doppelarbeit führt, sondern die Wirksamkeit der Aufsicht vielmehr verstärkt. Darüber hinaus sehe ich meine Rolle jedoch auch als die einer treibenden Kraft für positive Veränderungen: schließlich sind die in den Berichten des Amtes enthaltenen Empfehlungen nur Instrumente zur Förderung von Veränderungen und bedürfen der Unterstützung durch die höheren Führungsebenen, wenn ihre Befolgung sichergestellt werden soll. Ich bin mir dabei voll der Gratwanderung bewußt, die ich unternehmen muß, um mit meinen Kollegen freundschaftliche, vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen zu pflegen und gleichzeitig meine Objektivität und Handlungsfreiheit zu bewahren. Da ich aufgrund meines Mandats gehalten bin, Kritik zu üben und nicht Lob auszusprechen, mögen meine Partner gelegentlich Enttäuschung darüber empfinden, daß in meinen Bemerkungen nicht hinlänglich zum Ausdruck kommt, wie sehr sie sich tatsächlich bemühen, die Dinge zu verbessern. Vielleicht bietet daher dieser Bericht eine gute Gelegenheit, um festzuhalten, daß diejenigen, die zur Zeit für das Management des Sekretariats verantwortlich sind, sich tapfer bemühen, die administrative Leistung der Organisation zu verbessern, und daß sie jede nur erdenkliche Unterstützung verdienen. Dasselbe gilt auch für die Hauptabteilung Friedenssicherungseinsätze und die Hauptabteilung Humanitäre Angelegenheiten, die beide bei unzureichender personeller Ausstattung enorme Aufgaben zu bewältigen haben.

Um wieder auf meine eigenen Aufgaben zurückzukommen: Ich habe es als notwendig befunden, mich bei einigen der wichtigsten Erhebungen und Studien, die das Amt für interne Aufsichtsdienste durchführt, und bei einigen Problemen, denen es sich bei der Überwachung der Einhaltung und der Gewährung von Beratung in Managementfragen gegenübersieht, persönlich stark zu engagieren. Ich habe anderen großen Dienstorten (Genf, Wien), einer Friedenssicherungsmission (UNPROFOR) und einer Regionalkommission (ECA) bereits Inspektionsbesuche abgestattet. Die Bemerkungen, die ich als Ergebnis dieser Reisen dem Generalsekretär und den Leitern der zuständigen Hauptabteilungen vorgelegt habe, sind auf ein durchaus positives Echo gestoßen.

Ich möchte mit einem kleinen persönlichen Erfolgserlebnis schließen: Noch bevor ich nach New York kam, um meinen neuen Posten anzutreten, kam mir zu Ohren, daß es in den Vereinten Nationen gängige Praxis sei, wichtige Beschlüsse des Sicherheitsrats allen Mitgliedstaaten per Telex zu übermitteln, mit einem Kostenaufwand von etwa 100.000 Dollar pro Jahr. Natürlich würden die meisten Mitgliedstaaten diese Dokumente auch über ihre Vertretungen in New York erhalten. Ich wies daher die Prüfer des aiad an, der Sache nachzugehen, und aufgrund der Intervention des Amtes fanden die drei zuständigen Hauptabteilungen gemeinsam einen weitaus sparsameren Weg, um die Beschlüsse des Rates zu verbreiten.

Die Vereinten Nationen haben der Weltgemeinschaft viel zu bieten, doch bleibt noch eine Menge zu tun, um die Organisation für die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen zu rüsten. Das Amt für interne Aufsichtsdienste wird seinen Teil dazu beitragen, damit dieses Ziel erreicht wird.

(gezeichnet)

Karl Th. Paschke
Untergeneralsekretär
für interne Aufsichtsdienste

New York, 31. Juli 1995